Schnitt-art

Schnitt für Schnitt ZUM MEISTERWERK

Schweizer Familie 2017 - Text Marianne Fehr

Sie gehört zu den besten Papierschnittkünstlerinnen des Landes. Von dreidimensional wirkenden Bäumen bis zu Katzen, Hühnern und ganzen Geschichten: SONJA ZÜBLIN schafft filigrane Gebilde, die ihresgleichen suchen.

Kahl steht die Esche im Land, streckt ihre Äste in den leeren Himmel. Ein Gewirr von feinen verschlungenen Ästchen bildet ihre Baumkrone, in der hie und da ein Vogel sitzt. 

Das Bild der Esche wirkt lebensecht. Wie eine Fotografie, vielleicht auch eine feine Zeichnung. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Scherenschnitt – um einen Papierschnitt, wie man heute sagt.

Sonja Züblin heisst die Meisterin, der es gelingt, einen Baum mit Tausenden von millimeterkleinen Schnitten zu gestalten. Winterbäume sind ihre Spezialität: Ahorne, Birken, Trauerweiden, Eschen, die so filigran sind, dass es fast unvorstellbar scheint, sie zu schneiden, ohne das Werk zu zerstören. Die 58-jährige Künstlerin hatte Ausstellungen im Schweizer Nationalmuseum in Schwyz, im Château de Prangins VD, im Zürcher Museum Bellerive, in der ganzen Schweiz, aber auch in Shanghai und Hongkong. Doch der Erfolg ist ihr nicht zu Kopf gestiegen. Seit 20 Jahren lebt sie, ledig und kinderlos, in Schwarzenbach SG, baute dort ein Zweifamilienhaus und richtete sich im Dachgeschoss eine Galerie ein. Den andern Hausteil bewohnen ihre Eltern. Das Haus ist schlicht mit grünen Fensterläden und Garten, Sonja Züblins Wohnung geschmackvoll eingerichtet mit alten Truhen und Kästen, die sie von ihren bäuerlichen Vorfahren übernommen hat.

Noch immer arbeitet sie 100 Prozent als medizinische Praxisassistentin im benachbarten Wil, denn die Arbeit mit den Patienten, die sie teilweise seit Jahrzehnten kennt, möchte sie nicht missen. Das Einkommen macht sie unabhängig von der Kunst: Sie kann sich erlauben, auch Werke zu schaffen, die nur ihr gefallen, ohne dass sie an den Verkauf denken muss. Einen Hennenhof, eine Schulreise, ein Katzenparadies – gerne lässt sie sich auch auf ihren Reisen inspirieren: sei es von schottischen Schafen oder wilden Tieren in Kenia. Auf keinem Bild sind zwei Menschen oder Tiere in derselben Haltung zu sehen.

Die burschikose «Sünel»

Schon als Bauernkind – die Eltern betrieben in Lütisburg SG einen Hof – hat Sonja lieber gewerkelt als für die Schule gelernt: «Ich nähte etwa hundert Hosen für die ganze Familie und Verwandtschaft, machte mir Jupes, einen Skianzug und Reithosen», sagt sie. In der Freizeit war sie gerne in der Natur, fuhr gerne Ski. Der ältere Bruder baute jeweils Schanzen an den Hängen und schickte die Schwester voraus. Stürzte die burschikose «Sünel», wie er sie nannte, verzichtete er auf den Schanzensprung.

Sonjas Traumberuf war Handarbeitslehrerin. Eine ungenügende Deutschnote vereitelte jedoch diesen Plan. Nach einem Welschlandjahr entschied sie sich für ihren jetzigen Beruf. Im Nachhinein ist sie sogar froh über diese Schicksalswende: «Neben der Arbeit als Handarbeitslehrerin hätte ich die Geduld wohl nicht gehabt für den Papierschnitt.»

Ihre Papierschnittkarriere begann 1987. Sonja Züblin besuchte einen Abendkurs. Als sie der Lehrerin ihre Skizze zeigte, die sie schneiden wollte, fand die Kursleiterin: «Das ist viel zu fein, das bringen Sie nie fertig.» Sonja Züblin war empört und sagte sich, «jetzt erst recht». Und natürlich schaffte sie es. «Wenn ich etwas mache, mache ich es ausgefeilt und treibe es auf die Spitze», lautet ihre Devise.Schon bald kam sie von der altbekannten Falttechnik weg, bei der die Sujets links und rechts immer dieselben sind, und entwickelte einen eigenen Stil. Denn, so die Schnittkünstlerin, die sich gerne draussen aufhält: «In der Natur ist ja links und rechts auch nicht gleich.» Sie begann mit ihren feingliedrigen Bäumen, manche 75 Zentimeter hoch. Eben ist ein Bergahorn in Arbeit, den sie im appenzellischen Schwellbrunn entdeckt und bewundert hat.

Sie zeichnet jeweils vor Ort die Grundastung ab, macht auch ein Foto, damit sie sieht, wo das Kleingeäst dichter oder weniger dicht ist. Dann zeichnet sie mit einem Filzstift auf einen vorne weissen, hinten schwarzen Papierbogen den ganzen Baum. Je nach Lust und Laune kommen noch ein paar Vögel hinzu. In akribischer Kleinarbeit beginnt sie dann zu schneiden. Ruhig führt ihre Hand das Skalpell. Eins «verbraucht» sie für einen grossen Baum. 

Grobe Schnitzer passieren ihr schon lange nicht mehr, sie ist so routiniert wie ein Profisportler. Vier Stunden pro Tag «schneidet» Sonja Züblin, wie sie es nennt, ohne die Konzentration zu verlieren. «Die Arbeit ist zwar anstrengend, aber ich kann meinen Gedanken nachhängen, dazu klassische Musik hören.» Früher sass jeweils die mittlerweile verstorbene Katze Snöby stundenlang auf ihrem Schoss, verkroch sich unter ihren Pullover. Kein einziges Mal hat die Katze nach dem raschelnden Papier gekrallt.

Ureigene Handschrift

Ist das Werk fertig geschnitten, wird es aufgeklebt, auch dies eine Nifeliarbeit. Hier ein kleiner Tupfer Weissleim, dort ein Tupfen mit einem kleinen Kartonstückchen aufgetragen. Der Baum soll ja nicht hingepresst wirken. Anschliessend wird das Bild gerahmt. Sonja Züblin verwendet Weissgold-Rahmen, die zu allen Wohnungseinrichtungen passen. 

Für ihre grossen Bäume braucht sie bis zu 300 Stunden, sie kosten zwischen 10 000 und 13 000 Franken. Um von ihrer Kunst zu leben, müsste sie die Preise anheben, doch möchte sie nicht, «dass nur Leute mit einem dicken Portemonnaie ihre Werke kaufen können. Es soll für alle etwas Besonderes sein, wie etwa die Anschaffung eines Orientteppichs.» 

Mit Stapeln von Bildern muss sie sich nicht herumschlagen. Die meisten Schnitte verkauft sie sofort bei Ausstellungen; schon bei der ersten Ausstellung Ende der Achtzigerjahre waren zwei Drittel weg. Jüngst kam gar ein Auftrag aus Neuseeland. Sie ist gefragt und schafft den Spagat zwischen Leidenschaft und Erwerb bestens. 

Was zeichnet die Arbeit von Sonja Züblin aus? Felicitas Oehler, Kunsthistorikerin und ehemalige Präsidentin des Schweizer Vereins Freunde des Scherenschnittes mit derzeit 550 Mitgliedern, sagt: «Der Baum ist das meistgeschnittene Motiv überhaupt. Viele machen das plakativ, aber Sonja Züblins Bäume sind dreidimensional. Das schafft sie, indem sie die kleinen Äste mal dichter schneidet, mal Raum dazwischen lässt.» Felicitas Oehler zählt Züblin zu den besten Schweizer Scherenschneiderinnen. «Es gibt etwa zwei Dutzend sehr gute. Jeder hat seine eigene Handschrift. Man erkennt stets, von wem eine Kuh ist», sagt die Kunsthistorikerin und lacht. 

Was braucht es ausser einer Handschrift, um eine gute Scherenschneiderin zu sein? Sonja Züblin antwortet: «Ein gutes Vorstellungsvermögen. Man muss zeichnen können. Ein Scherenschnitt darf nicht zu schwarzlastig sein, sonst wirkt er hart. Er muss leicht wirken. Und natürlich braucht es viel Geduld und Freude.» Letztere ist ihr in all den Jahren nie abhandengekommen. Macht sie eine Woche Skiferien, drängt es sie nach Hause, um endlich wieder schneiden zu können.

Originalartikel Schweizer Familie 3/2017