Schnitt-art

200 Stunden für eine Trauerweide


Ostschweiz am Sonntag, 2016 

Zur internationalen Spitze gehört Sonja Züblin schon lange. Trotzdem lässt die Ostschweizer Scherenschnittkünstlerin ihre weltweit wachsende Fangemeinde immer wieder von neuem staunen. 

Shanghai, Hongkong, Auckland oder Schwarzenbach; wo auch immer ihre filigranen Bäume mit der dreidimensionalen Wirkung hängen, lösen sie tiefste Bewunderung aus. Der Anziehungskraft der von Sonja Züblin gefertigten Scherenschnitte kann sich kaum ein Betrachter entziehen. Man hält es kaum für möglich, dass eine begnadete Hand mit einem kleinen Messer auf einem losen Stück Papier solches vollbringen kann. Beim ersten Blick halten einen die Werke gefangen, Sekunden später hört man buchstäblich das Rascheln des Laubes und das Zwitschern der Vögel, riecht die Natur und nimmt die wohltuende Wirkung mit allen Sinnen wahr.

Seit drei Jahrzehnten

Dass Sonja Züblin ausserordent­liche Begabungen hat, war praktisch mit dem ersten Papierschnitt klar. «Ich spürte, dass mir das Entwerfen und Schneiden deutlich leichter fiel als anderen Kursteilnehmenden», er­innert sie sich an ihre ersten Schritte vor drei Jahrzehnten.

«Sonja Züblins Werke erzählen Geschichten. Ihre Vielfalt begeistert mich», schwärmt Regina Martin, Präsidentin Scherenschnitt Schweiz. Sonja Züblin sei eine der bekanntesten Schweizer Schneiderinnen, hält Regina Martin fest. Die Künstlerin hat nicht nur eine aussergewöhnliche Fingerfertigkeit, sondern auch eine sehr gute Vorstellungskraft und akribische Geduld. An ihrem ersten Nussbaum, den sie 1989 schnitt hat sie weit mehr als 100 Stunden gearbeitet. «Dass nichts abfiel und alles an einem Stück blieb, war damals die grösste Herausforderung», sagt die Künstlerin. Die Birke, die vor drei Jahren im Nationalmuseum ausgestellt war, hielt Sonja Züblin rund 300 Stunden gefangen. In ihr jüngstes Werk, eine imposante Trauerweide mit Tiefenwirkung, hat sie ebenfalls über 200 Stunden investiert. Dabei ist Sonja Züblin eine quirlige Person, die nicht nur in ihrem anforderungsreichen Beruf als medizinische Praxisassistentin einen bewegten Alltag hat, sondern auch selber ein Bewegungsmensch ist. Wenn sie jedoch am Schneiden ist, scheint die Zeit still zu stehen. «Es ist wie Meditation und für mich der perfekte Ausgleich zum hektischen beruflichen Alltag», sage die 58-Jährige.

Jeder Baum ein Unikat

Linden, Nussbäume, Birken, Eschen und Trauerweiden; Sonja Züblins Spezialität sind dreidimensionale Bäume. Die Baumkronen sind wie ein Netzwerk gestaltet, das an unzähligen Punkten endet und doch stark vernetzt, lückenhaft, alles umspannend ist. Ein herabfallender Ast, ein Spinnennetz oder Vögel, die sich in ihren Bäumen vergnügen; ihre Werke reflektieren das Leben mit Sonnen- und Schattenseiten. Auch wenn sie in ihrer Karriere schon gegen 100 Bäume entworfen und produziert hat, ist jeder ein Unikat. Wer sich mit dieser Intensität in ein Werk gibt, entwickelt automatisch eine emotionale Bindung. Sonja Züblin empfindet deshalb Genugtuung, wenn sie weiss, dass ihre «Schützlinge» einen guten Platz bekommen.

Anfragen für Ausstellungen sagt die Besitzerin der Galerie Schnittart in Schwarzenbach deshalb häufig ab. Aber auch, weil sie direkt Aufträge aus aller Welt erhält und ihre Ressourcen neben ihrem 100-Prozent-Job in einer Arztpraxis begrenzt sind. Eine Einladung nach Shanghai hat Sonja Züblin dieses Frühjahr aber angenommen.

Im Ursprungsland des Scherenschnitts war sie während der Swiss Week für einmal nicht mit Bäumen sondern, zum chinesischen Jahr passend, mit Affen beschäftigt. Aber auch in dieser Sparte löste Sonja Züblin, live und vor den Augen vieler Staunender arbeitend, einen Sturm der Begeisterung aus. Auch das Fernsehen interessierte sich und strahlte einen langen Beitrag über die Swiss Cutterin aus.

«Das Fernsehinterview war eine meiner grössten Herausforderungen», lacht die gebürtige Toggenburgerin, die bis vor kurzem bei der Ausführung ihrer grössten Leidenschaft stets ihre Katze Snöby auf dem Schoss hatte und es nach eigenen Aussagen höchstens eine Woche ohne «Scherlen» aushält. 

Marie-Theres Brühwiler